Biografiearbeit

mein weg - dein weg: Wissenswertes zur Biografiearbeit

Was ist „Biografiearbeit“ und wie kann sie dir bei deiner Selbstfindung helfen?

Die meisten von mir verwendeten Materalien kommen aus der „Biografiearbeit“ - einer Methode, die pädagogisch sehr erfolgreich unter anderem in der Seelsorge, der Erwachsenenbildung, in Krisen- bzw. Entscheidungssituationen bzw. als Burnoutprophylaxe verwendet wird.

Info zu Biografiearbeit

Biografiearbeit hat die Fähigkeit, Dinge sehr schnell „auf den Punkt“ zu bringen und Klarheit über die eigene (und andere) Person zu schaffen. Ich verwende sie schon seit einigen Jahren bei meiner Arbeit als Sozialpädagogin und bin ein großer Anhänger davon. Wenn man sich biografisch selbst reflektiert, beschäftigt man sich mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Dabei sind drei Komponenten wichtig: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und alles an Erfahrungen, Gedanken, Einstellungen und Gefühlen, was damit zusammenhängt. Biografiearbeit schaut genauer hin, deckt auf – aber ohne therapeutisch tätig zu sein. Bei tiefersitzenden psychischen Störungen, Defiziten und Leiden ist auf jeden Fall immer ein Therapeut hinzuzuziehen – Auskünfte hierzu erteile ich gerne.

Welche Vorteile hat die Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte für deine Selbstfindung und einen „guten Weg“ in die Zukunft?

Entdecken und Fühlen

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte bewirkt ein Wecken von Erinnerungen und aller damit zusammenhängenden Gefühle – dies kann für dich sowohl eine Form der Aufarbeitung und Versöhnung als auch ein wiederentdeckter Quell der persönlichen Freude sein. Du bist das Ergebnis deiner Vergangenheit, ob sie nun positiv oder negativ war. Nimm sie an und fühle, wer du bist!

Eigene Stärken

Indem du dich mit deinem Leben auseinandersetzt, erkennst du deine eigenen Stärken und Ressourcen – und kannst sie für deine Zukunft gewinnbringend einsetzen. Nur, wenn du dich selbst kennst und weißt, was für Ressourcen in dir schlummern, kannst du für dich stimmig durch dein Leben gehen.

Verstehen

Manchmal verstehen wir erst durch die Rückschau auf das eigene Leben warum Dinge geschehen – so schwierig dies manchmal sein mag. Oft genug kommt jedoch dabei heraus, dass auch vermeintlich „schlechte“ Erfahrungen am Ende etwas Positives in deinem Leben bewirkt haben. Biografiearbeit ist ein Weg, der dir hilft, das zu erkennen.

Sinnfindung

Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte bedeutet Sinnfindung im Leben. Du reflektierst vergangene Erfahrungen und weißt viel besser, warum du in bestimmten Situationen auf deine persönliche Art und Weise reagiert hast. Der „rote Faden“ in deinem Leben wird sichtbar und du lernst dich selbst als Person intensiv kennen.


Nachfolgend stelle ich dir eine praktische Anwendung aus der Biografiearbeit vor:

„Pilgerwege zu mir selbst“

1. Ausgangssituation

Eine junge Frau teilte mir mit, dass sie sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte und in einer tiefen Lebenskrise steckte. Alle gemeinsamen Vorhaben (Hausbau, Familie usw.) hatten sich in Luft aufgelöst und sie wusste weder ein noch aus. Sie hatte komplett ihr Selbstvertrauen verloren und keine Ahnung, in welche Richtung ihr Leben gehen sollte. Mit 33 Jahren hatte sie also genug von Enttäuschungen auf Beziehungsebene. Um sich selber wieder mehr zu finden und Klarheit in ihr Leben zu bringen beschloss sie, im nächsten Monat alleine den Jakobsweg zu gehen - fernab von allen Verpflichtungen und Störfaktoren von Außen. Bevor sie jedoch ihre Reise antrat, wollten wir gerne eine biografische Sitzung miteinander durchführen.

2. Zielfestlegung

Bevor die die Sequenz mit der Klientin startete, überlegte ich mir folgende Ziele, die zu erreichen ich vorhatte:

Handlungsorientiertes Ziel:

Die junge Frau wird sich ihrer vorhanden Ressourcen wieder bewusst und bewältigt ihre Krisensituation aus eigener Kraft.

Kognitive Ziele:

  • sie weiß um ihre Stärken und Krisenbewältigungsmechanismen
  • sie weiß, wo sie im Leben steht und dass jedes Negative im Leben auch etwas Positives hat
  • sie ist sich ihrer Lebenswünsche bewusst

Affektive Ziele:

  • die junge Frau erlebt sich wertgeschätzt und beachtet
  • sie erfährt ein Gefühl der Vollständigkeit (auch oder gerade als Single) und gewinnt wieder an Selbstvertrauen

Pragmatische Ziele:

  • sie nutzt ihre Stärken in schlechten Zeiten
  • sie entdeckt wieder die Lust, alte bzw. neue Hobbys auszuführen

3. Durchführungspraxis

Ich wandte in der Sitzung verschiedene Übungen aus der Biografiearbeit mit der Klientin an. Herausgreifen möchte ich hier jedoch nur vier, die besonders gut darstellen, wie Biografiearbeit funktioniert. Anhand einer konkreten Zielvorstellung wird immer eine jeweils passende Methode ausgewählt:

3.1 Zielvorstellung:

Die Klientin wird sich der eigenen (übergeordneten) Lebenseinstellung bewusst.

Inhalt und Wirkung der Übung:

Ich lege der jungen Frau verschiedene Bilder vor, die darstellen, wie Menschen das Leben im Allgemeinen sehen können (z.B. Bilddarstellung als Puzzle, Labyrinth, Treppen aufwärts und abwärts usw.) Die Klientin soll das Bild aussuchen, das ihrer Lebenssituation am Besten entspricht und darüber reflektieren. Dadurch wird sie sich ihrer gegenwärtigen Lebenseinstellung bewusst und erkennt im besten Fall auch, welche Vorstellungen sie eigentlich von einem „guten“ Leben hat.

3.2 Zielvorstellung:

Die Klientin erlebt sich wertgeschätzt und beachtet; sie erfährt ein Gefühl der Vollständigkeit (auch oder gerade als Single) und gewinnt wieder an Selbstvertrauen.

Inhalt und Wirkung der Übung:

Anhand der Übung „Das erste Mal“ (Klingenberger, 2007) erinnert sich die Klientin an verschiedene Ereignisse, die Sie in der Vergangenheit als glücklich erlebt hat. Sie erkennt dadurch, dass es nicht nur von einem Partner abhängig ist, positive Erlebnisse zu haben und das Leben zu genießen. Ich werde den Erzählungen der jungen Frau wertschätzend folgen und sie positiv bestärken.

Beispiele:
Der erste Schultag
Die erste eigene Wohnung
Das erste Auto
Die erste Auslandsreise

3.3 Zielvorstellung:

Die Klientin entdeckt wieder die Lust, alte bzw. neue Hobbys auszuführen. Sie wird sich ihrer Interessen bewusst.

Inhalt und Wirkung der Übung:

Durch die Übung „Freizeit-ABC“ (Klingenberger, 2007) soll der jungen Frau vor Augen geführt werden, was sie im Laufe ihres Lebens schon alles an Aktivitäten unternommen hat.

Fragen, die sich stellen werden, sind:

  • Was haben ihr die Aktivitäten gegeben?
  • Welche könnte sie wieder aufgreifen und wer könnte mitmachen?

Diese Fragen werden gemeinsam im persönlichen Gespräch geklärt. Weiterhin gebe ich auf einem Blatt Papier Buchstaben von A bis Z vor, mit deren Anfangsbuchstaben die Klientin verschiedene Aktivitäten und Interessensgebiete schriftlich auflisten kann.

3.4 Zielvorstellung:

Die Klientin ist sich ihrer Lebenswünsche bewusst und geht mit einer Zielvorstellung aus der Sitzung.

Inhalt und Wirkung der Übung:

Auf einem großen Blatt Papier soll die junge Frau in sechs Feldern drei positiv besetzte vergangene Situationen und drei wünschenswerte Zukunftsvisionen bildlich darstellen und danach darüber gemeinsam mit mir reflektieren. Die Übung wird frei nach Hubert Klingenberger übernommen. Durch diese Übung gewinnt die Klientin wieder eine Perspektive für ihr zukünftiges Leben.

4. Auswertung und Reflexion

Das Geplante konnte insgesamt gut umgesetzt werden. Im Wesentlichen hat die Klientin ihren Blickwinkel geändert und sieht jetzt nicht mehr nur alles Negative in ihrer Situation, sondern auch, dass es auch viele positive Aspekte gibt bzw. Möglichkeiten, sich selbst aus dieser deprimierten Phase wieder herauszuholen. Für sie war es eine gute Erfahrung, sich ihrer Ressourcen wieder bewusst zu sein. Sie beginnt jetzt zum Beispiel demnächst einen Salsa-Tanzkurs und fängt an, Trompete zu spielen. Dies ergab sich aus der Übung „Freizeit-ABC“.

Literatur:
Klingenberger Hubert (2007): Lebenslauf - 365 Schritte für neue Perspektiven, München, Don Bosco Verlag